Heute mit Fahrrad in der BOB* unterwegs.

*Bayerische Oberland Bahn:

"Gern wird Ihr Fahrrad von der BOB mitgenommen. Besonders im Sommer steigen immer mehr Radler auf die Bahn um und lassen sich in die schönsten Gebiete des Oberlands bringen. Auf Grund des begrenzten Platzangebotes im Zug kann es daher jedoch vorkommen, dass die Radfahrer auf mehrere Züge verteilt werden müssen. In diesem Fall lassen Sie sich am besten von unseren Fahrgastbetreuerinnnen und -betreuern (^) helfen, die Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Aus Sicherheitsgründen verstauen Sie Ihr Fahrrad dann bitte an dem dafür vorgesehenen Ort, dem so genannten Mehrzweckraum (^). Diesen finden Sie sowohl im Integral (...) Sollten Sie jedoch ausschließlich auf den Strecken Holzkirchen - Bayrischzell - Lenggries bzw. - Tegernsee fahren, ist der Transport Ihres Rades kostenlos."

Fein. Nach Abnudelns zweier Stationen per Velozipedes steige ich zu. Im Zug befinden sich ca. 2,3 alte Damen, diverse nette bis kultivierte Paare jüngeren und mittleren Alters (welche teilweise die tariflichen Vor- und Nachteile der BOB gegenüber dem Müncher MVV diskutieren oder wie man das mit Bahncard, Wochenendticket und S-Bahn-Fahrschein am günstigsten mit der BOB kombiniert), 1,8 Junggesellen mit Rucksack und eine größere Schaar im Hintergrund sich erheiternder Plastikritterinnen und -ritter pubertären Alters, die wohl Fans irgendeiner Fernsehserie sind - auf klobigen 7-Meilenstiefeln staksen sie unbeholfen umher und sind offenbar diejenigen, die ca. 1 Dutzend merkwürdige Bügelbretter ohne Standfüße mit sich führen. Besagte Bügelbretter sind größtenteils aufrechtstehend an einer Wand des schon erwähnten Mehrzweckraumes mit offenbar eigens dafür bestimmten Halterungen befestigt, die ein bißchen so aussehen wie Hochspannungsisolatoren ohne Porzellankringel oder wie Bolzen aus der Tür eines Banktresors, mit zusätzlichen, die Zwischenräume verschließenden Querriegeln; jedenfalls ziemlich kantig und zum Widerstehen eherner Gewalten gedacht - für mein Rad keine Chance. Gegenüber ist noch eine Reihe von Klappsitzen und an der Wand je ein blaues Kinderwagen- bzw. Fahrradsymbol, allerdings liegen auf dem Boden schon etliche Bügelbretter unter den Sitzen. Also verbleibe ich stehend inmitten des Mehrzweckraumes und sichere mein Fahrrad manuell. Etwas mitleidig beobachte ich ein einzelnes ca. 12 oder 13jähriges Mädchen, das ein paar Skier hinter den Bügelbrettern verstaut. Dann kommt noch eine Clique der Plastikritter hinzu, bestehend aus zwei gutgeformten jungen Damen und einem Jüngling, der einen Klappgartenstuhl mit sich führt und besetzt, während die Mädchen sich mit den an der Wand angebrachten Klappsitzen bescheiden. Nicht ohne noch drei Bügelbretter unter die eben genannten zu legen.

Als die Fahrgastbetreuerin vorbeikommt und mich hinterrücks nach meinem Fahrschein fragt, bin ich zu sehr in oben zitierte Broschüre vertieft, um mich zu einer Frage aufzuraffen.

Auf der Rückreise finde ich den Mehrzweckraum leer vor, einen größereren unstrukturierter Raum mit einer einsamen Haltestange mit neckischer Geländerschnecke etwas außerhalb der Mitte. Bei einer Notbremsung viel ungehinderter Sturzraum, sozusagen. Die geschilderten Bügelbretthalterungen sind hoch- bzw. runtergeklappt und lassen sich augenscheinlich nicht bewegen - ich suche vergeblich nach einer Anleitung oder Entsperrungstaste. Zwischen den Klapp-Sitzen gegenüber mit den blauen Pictogrammen (Kinderwagen, Fahrrad) sind eine Art merkwürdige Sicherheitsgurte vorhanden, die sich von Rollen abwickeln lassen, aber nicht irgendwie arretieren. Ich probiere eine Weile damit herum und schnalle das Fahrrad schließlich quasi längs der Wand an, die mechanischen Gegebenheiten wirken aber wenig überzeugend. Ich warte auf die Fahrgastbetreuerin - diesmal aber, obwohl ich die Gesamtstrecke von Miesbach nach B'Zell mitfahre, kommt sie nicht.

Schließlich - als die Bandandsage, weil es ist dieselbe oberbayrisch gurrende Frauenstimme wie auf der Hinfahrt - die Endstation B'Zell verkündet, Aussteigen bitte in Fahrtrichtung rechts, und weil der dem Triebkopf entsteigende Zugführer männlich - halte ich diesen auf und wünsche eine Erklärung, ob ich mein Fahrrad da irgendwie befestigen solle.
"Nein, sollen Sie nicht."
"Wozu sind denn diese Gurte?"
"Für Rollstühle." (es gibt da aber nur ein Kinderwagen- und Fahrradpictogramm - das Rollstuhlsymbol ist unter den martialischen Befestigungsstangen, die sich, wie ich inzwischen festgestellt habe, durch bloßes Ausüben ordentlicher Kraft herunterdrücken lassen.)
"Dann fliegt das Fahrrad aber im ganzen Zug herum, wenn man es nicht festhält."
"Das ist wohl wahr!" spricht der Zugführer und enteilt zum gegenüberliegenden Endbahnhofsbüro.

Ich radle nach Hause, froh und glücklich, dass ich nichts falsch gemacht habe, aber dennoch niemand durch mein Fahrrad zu Schaden gekommen ist.

Mhm - zum Thema "Sicherheit" gibt es eine 3/4-Seite in dem Prospekt, aber die handelt nur von Übersichtlichkeit von einem Zugende zum anderen und Notsprechstellen an den Türen und davon, dass die Bahnsteige besser beleuchtet wurden. Und: "Außerdem sorgen wir bei besonderen Anlässen (z. B. dem Oktoberfest) mit zusätzlichem Begleitpersonal für Ihre Sicherheit."

Ob die wohl mal einen Augenblick mein Fahrrad halten würden, wenn ich auf die freundlicherweise vorhandene Zugtoilette muss?

Jödel.